Funkstille, wenn es darauf ankommt
Funkstille, wenn es darauf ankommt: Eine Analyse des Notfunks beim Berliner Stromausfall
Die Grenzen der vernetzten Stadt
Fünf Tage im Januar 2026. Was im Berliner Südwesten – von Lichterfelde bis Wannsee – als lokaler Stromausfall begann, verwandelte rund 45.000 Haushalte innerhalb von Minuten in eine Zone der Ungewissheit. Während das Leben im restlichen Stadtgebiet in gewohnten Bahnen verlief, blickten die Bewohner im betroffenen Sektor auf Glas und Metall, das seine Funktion verloren hatte.
In einer vernetzten Gesellschaft ist die erste Reaktion auf eine Störung der Griff zur Information. Doch die Kanäle, die diese Orientierung normalerweise liefern, kollabierten aus Sicht der Bevölkerung zeitgleich mit dem Versorgungsnetz. Wer zum Smartphone griff, um die Ausdehnung des Blackouts zu prüfen, fand keine Signalbalken mehr vor.
Die Technik hinter dem Mobilfunk ist für den störungsfreien Alltag entworfen, nicht für die Krise. Im urbanen Raum besetzen die Sendeanlagen oft gemietete Flächen auf Wohnhausdächern. Dort fehlt die statische Reserve für schwere Dieselaggregate oder massive Batteriebänke. Die vor Ort verbauten Puffer-Akkus dienen zur Überbrückung kurzer Netzschwankungen. In der frostigen Januarnacht beschleunigte die Kälte den Spannungsabfall der Zellen massiv; nach wenigen Stunden schalteten sich die Standorte mangels Energie ab. Da auch der heimische Router ohne Strom kein WLAN mehr bereitstellte, erlosch der Zugang zu Nachrichtenportalen oder Warn-Apps vollständig. Selbst das Radio, oft das letzte Medium in der Not, blieb für viele Haushalte stumm, da Programme heute primär via IP-Stream empfangen werden. Ohne funktionierende Schnittstelle zur Außenwelt wurde die Suche nach Information zur analogen Odyssee. Die für den Bürger entscheidenden Fragen – reicht die Dunkelheit bis Potsdam oder ist man Teil eines nationalen Ereignisses? – blieben unbeantwortet.
Notfunk: Ein Versprechen ohne zivile Schnittstelle
In dieser Phase der Isolation rückt ein Thema in den Fokus, das oft als technisches Kuriosum belächelt wird: der Notfunk. Der Deutsche Amateur-Radio-Club (DARC) bewirbt seit Jahren die Fähigkeit seiner Mitglieder, beim Versagen kommerzieller Netze eine alternative Kommunikationsebene zu aktivieren. Doch die Berliner Tage legten eine konzeptionelle Sollbruchstelle offen.
Technisch verfügen Funkamateure über die Mittel, Distanzen weit über das Schadensgebiet hinaus zu überbrücken. Doch für den Bewohner, der vor seinem funktionslosen Webradio oder einem einfachen PMR-Handfunkgerät saß, blieb dieses Potenzial ohne erkennbaren Nutzen. Dass auf spezialisierten Frequenzen interner Betrieb herrschte, nützt der Zivilbevölkerung wenig, wenn keine allgemein zugängliche Schnittstelle existiert, die ohne Lizenz und Spezialgerät erreichbar ist.
Die Gretchenfrage: Behördenhilfe oder Bürgerservice?
Die Passivität des organisierten Notfunks während der Krise war kein individuelles Versagen der Funkamateure, sondern das Resultat einer strukturellen und konzeptionellen Fixierung. Hier zeigt sich die tiefe Diskrepanz in der Zielsetzung:
- Der behördlich orientierte Notfunk: Der DARC definiert seine Rolle primär als Reserve für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Das systemische Paradoxon: Diese Stellen investieren bereits Millionen in hochredundante Netze wie den Digitalfunk (TETRA) und greifen im Bedarfsfall auf die spezialisierten Fernmeldeeinheiten der großen Hilfsorganisationen zurück.
- Das theoretische Konstrukt: Eine offizielle Anforderung von Funkamateuren durch Krisenstäbe ist in der modernen deutschen Sicherheitsarchitektur ein Ereignis, das faktisch nicht stattfindet, da Behörden ihre eigenen, geschützten Systeme priorisieren.
Indem der Verband das Warten auf einen behördlichen Auftrag zur Bedingung für sein Handeln macht, neutralisierte er sich in der Berliner Lage gegenüber der betroffenen Bevölkerung selbst. Während die professionellen Retter über ihre eigenen Kanäle kommunizierten, blieb der Bürger in der Ungewissheit isoliert. Die Relevanz dieser „stillen Reserve“ muss sich an der Wirksamkeit für die Betroffenen messen lassen: Ein Notfunk-Konzept, das sich ausschließlich an autarke Behörden wendet, bietet für die abgeschnittene Zivilbevölkerung keine funktionale Anlaufstelle.
Ungenutzte Potenziale: Die „stille“ Community
Während der behördlich orientierte Notfunk im Berliner Südwesten mangels offiziellen Auftrags im Standby-Modus verharrte, offenbart ein Blick auf die vorhandenen Ressourcen eine signifikante Diskrepanz zwischen technischer Kapazität und ziviler Wirksamkeit. Berlin und sein Umland verfügen über eine der höchsten Dichten an Funkamateuren und Hobbyfunkern in Deutschland. Die Hardware, um das Informationsvakuum der Bevölkerung zu füllen, war somit kein limitierender Faktor – sie war in den Regalen und auf den Dächern der betroffenen Bezirke physisch vorhanden.
Die Rolle der Jedermann-Funkdienste
Neben dem lizenzierten Amateurfunk existieren etablierte Netzwerke im Bereich der lizenzfreien Funkdienste, die eine unmittelbare Nähe zur Zivilbevölkerung aufweisen. Ein Beispiel für diese Vernetzung ist die wöchentliche „SSB-Runde Berlin-Brandenburg“ auf CB-Funk-Kanal 3. Mit regelmäßig über einhundert Teilnehmern beweist diese Runde, dass eine stabile Kommunikation über das gesamte Stadtgebiet und weit in das Umland hinein mit privater Technik eine alltägliche Realität ist.
Auch spezialisierte Gruppen wie die DX-Vereinigung „Oscar Tango“ verfügen über Mitglieder mit leistungsfähigen Stationen im Berliner Raum. Diese besitzen oft sowohl die notwendige Lizenzierung als auch die Technik, um als Brücke zwischen verschiedenen Funkdiensten zu fungieren. Rein systemisch betrachtet hätte hier eine Informationskette entstehen können, die Nachrichten aus dem funktionierenden Teil der Stadt direkt in die stromlosen Wohnzimmer der Betroffenen transportiert.
Wahrnehmbarkeit in der Krise
Trotz dieser Kapazitäten blieb eine koordinierte Präsenz dieser Gruppen für den Bürger während der fünf Tage des Stromausfalls nicht wahrnehmbar. Es fehlen Belege für eine systematische Nutzung dieser Netzwerke, um Informationen in das Schadensgebiet zu schleusen oder Hilferufe aus der isolierten Zone entgegenzunehmen.
Für die betroffene Bevölkerung resultierte daraus ein strukturelles Defizit:
- Technologische Exklusivität: Kommunikation im Amateurfunk findet auf Frequenzen und in Betriebsarten statt, die für den Normalbürger ohne spezialisierte Empfangstechnik physikalisch nicht hörbar sind, außerdem benötigt man zur aktiven Nutzung eine Lizenz. Ohne eine bewusste Öffnung hin zu bürgerrelevanter Technik bleibt dieser Funkbetrieb eine geschlossene Gesellschaft ohne Nutzwert für die Allgemeinheit.
- Mangelnde konzeptionelle Brücken: Die im Jedermann-Funk (CB / Freenet / PMR446) vorhandene Technik, die in vielen Haushalten als Freizeit-Hardware vorhanden ist, wurde nicht gebündelt. Es fehlte eine allgemein bekannte Anlaufstelle auf dem Funkweg.
Das Ausbleiben einer zivilen Wirkung ist hierbei nicht als individuelles Desinteresse der Funker zu werten, sondern als konzeptionelles Problem. Viele Funkamateure verfügen zwar über die Ausrüstung für bürgernahe Funkdienste, setzen diese jedoch nicht ein, da kein Schema für eine solche Unterstützung existiert. Systemische Hürden, wie die strikte Trennung der Funkdienste in der Verbandsstruktur und das Fehlen vordefinierter Schnittstellen zum bürgernahen Funk, verhinderten den Einsatz der Technik. Das Ergebnis war eine technische Kapazität, die zwar vorhanden, aber mangels organisatorischer Schnittstelle für die 45.000 Haushalte wirkungslos blieb. Das technische Wissen und die Hardware waren vor Ort – die strukturelle Verbindung zur betroffenen Bevölkerung wurde jedoch nicht hergestellt.
Der Weg des Pragmatismus: Die Fallstudie „Kilo Papa 1“
Dass das entstandene Informationsvakuum keine zwangsläufige Folge fehlender Technik war, demonstrierte eine private Initiative unmittelbar im betroffenen Schadensgebiet. Während die organisierten Verbände aufgrund konzeptioneller Schranken und fehlender Behördenanforderungen keine zivile Wirkung entfalteten, etablierte ein einzelner Funker eine improvisierte, aber methodisch strukturierte Leitstelle.
Unter dem Rufzeichen „Kilo Papa 1“ – eine Bezeichnung, die sich an den operativen Empfehlungen der ZNK DV 810 orientiert – entstand ein lokaler Funkkreis. Der Fokus lag hierbei ausdrücklich auf dem zivilen Notfunk. Die Erreichbarkeit für die Bevölkerung wurde über niederschwellige, lizenzfreie Anwendungen wie PMR446, Freenet und CB-Funk hergestellt.
Strukturierte Hilfe ohne offiziellen Apparat
Das Vorgehen folgte einem Schema, das die rein technische Erreichbarkeit in einen praktischen Nutzen für die isolierten Bürger übersetzte:
- Kanal-Disziplin als Orientierungshilfe: In Übereinstimmung mit dem T-Day-Prinzip wurde konsequent der jeweilige Kanal 3 der Funkanwendungen besetzt. Dies schuf für den suchenden Bürger einen verlässlichen Anlaufpunkt auf der Frequenzskala und kompensierte das Fehlen offizieller Informationsquellen.
- Integration von Laien: Bewohner, die oft nur über einfache PMR446-Handfunkgeräte verfügten, wurden systematisch in den Funkkreis aufgenommen. Durch die Zuweisung individueller Rufzeichen und die Erfassung grober Standorte entstand ein koordiniertes Netz, das ein unstrukturiertes Durcheinandersenden verhinderte und eine gezielte Informationslogistik erlaubte.
- Informations-Transfer: Mobilfunk und Internet waren am Standort der improvisierten Leitstelle vorhanden, obwohl sie im betroffenen Geiet lag – eine Ausnahme – dadurch Informatioiinen zur Lage durch regelmäßige „Blindsendungen“ ausgestrahlt werden. Parallel dazu diente die Seite notfunk.t-day.net als Schnittstelle für jene, die punktuell noch Netzzugang fanden, um Daten zur Stromwiederkehr oder zu Notversorgungsstellen zu erhalten.
Systemische Analyse der Diskrepanz
Dieser Einzelfall verdeutlicht, dass die Hürde für eine effektive Bürgerinformation niedrig ist, sofern der Fokus auf der zivilen Nutzbarkeit liegt. „Kilo Papa 1“ lieferte keine spektakuläre Rettungsleistung, sondern erfüllte die Kernaufgabe des bürgernahen Notfunks: die Bereitstellung einer alternativen Kommunikationsebene in einer Phase der Isolation.
Der Kontrast zwischen diesem privaten Pragmatismus und der Unwahrnehmbarkeit der großen Strukturen führt zu einer notwendigen Neubewertung der aktuellen Notfunk-Strategien:
- Die Zweckfrage: Ein Notfunk-Konzept, das sich als reine Reserve für staatliche Stellen versteht, ignoriert die Realität des urbanen Infrastrukturausfalls. In diesem Szenario ist die Zivilbevölkerung das primäre Informationsopfer.
- Die Schnittstellenproblematik: Das Ausbleiben ziviler Hilfe durch große Organisationen ist kein Mangel an technischer Expertise. Es ist das Resultat fehlender Konzepte für die Verknüpfung von Fachwissen mit bürgernahen Technologien wie PMR446, Freenet oder CB.
- Die Relevanzfrage: Wenn eine „stille Reserve“ in einer realen, fünftägigen Krisenlage für den Bürger unsichtbar bleibt, verliert ihr Versprechen gegenüber der Gesellschaft an Glaubwürdigkeit.
Fazit
Die Krise im Berliner Südwesten belegt, dass die Wirksamkeit von Notfunk nicht an technischer Exzellenz, sondern an der organisatorischen Bereitschaft zur zivilen Schnittstellenbildung scheitert.
Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:
- Der Fokus des Notfunks muss von der einseitigen Behörden-Fixierung hin zu einem zivilen Notfunk-Modell verschoben werden, um in lokalen Krisenlagen eine relevante Informationsquelle für die Bevölkerung darzustellen.
- Die organisatorischen Strukturen müssen rechtliche und konzeptionelle Rahmenbedingungen schaffen, die es Mitgliedern erlauben, auch ohne hoheitlichen Auftrag eigenständig bürgernahe Kommunikationsnetze zu koordinieren.
- Notfunk wird künftig nur dann eine gesellschaftliche Rechtfertigung erfahren, wenn er für den Bürger in der Krise als greifbare Infrastruktur wahrnehmbar ist und nicht lediglich als internes Backup-System einer ohnehin bestehenden, autarken Verwaltung fungiert.
Links:
Hier geht es zur offiziellen Einordnung des DARC des Stromausfalls aus Sicht des Notfunks.
Hier geht es zum Referat Notfunk des DARC